Buchbesprechung:  „Das Internet zwischen Diktatur und Anarchie. Zehn Thesen zur Demokratisierung der digitalen Welt“ von Alexandra Borchardt

Alexandra Borchardt liefert uns mit ihrer Streitschrift ein Werk, das in keinem (digitalen) Bücherregal fehlen sollte. Ich habe mich an keiner Stelle darüber geärgert, für die dreißig Seiten Lektüre gezahlt zu haben und bin vom Inhalt begeistert genug, um mir eine Stunde von meiner Zeit zu nehmen, ein paar meiner Gedanken dazu festzuhalten.

Was bei der Lektüre bereits nach wenigen Seiten hervorsticht, ist die Bandbreite solider Fachkenntnisse der Autorin aus zahlreichen miteinander verwobenen Gebieten. So werden Phänomene aus IT, Gesellschaftswissenschaft, Politik und Co. auf potentielle (zukünftige) Wechselwirkungen hin untersucht, wodurch nicht nur Leser mit jahrelangem IT-Background und entsprechender Qualifikation schnell den Einstieg finden.

Dabei findet die Autorin immer wieder den perfekten Kompromiss zwischen Lesefluss und angebrachter Fachterminologie. Kein Dumbing Down zwecks Massenkompatibilität zur Zielgruppenvergrößerung; wo Fachbegriffe notwendig sind werden sie erklärt oder erklären sich von selbst im Kontext). Bei der Frage, ob Google die Wahlergebnisse beeinflussen könnte, indem Inhalte für Millionen von Suchanfragen zumindest unmittelbar vor der Wahl tendenziell nach Gesinnung ausgespielt würden, wird auf reißerische Aufmache verzichtet, wo andere Lektorate (Hallo, Springer!) mit Sicherheit längst die Maus zu PR-Zwecken kurzerhand zum Clickbait-Elefanten umfunktioniert und den Untergang der westlichen Demokratien prophezeit hätten.

In dem Fall verweist die Autorin auf eine Studie, die zum Ergebnis kam, dass sich in etwa 25% der unentschlossenen Wahlberechtigten auf diese Weise zur Entscheidung für oder gegen eine Partei bewegen ließen. Genügend narrativen Zündstoff für den Plot einer Folge der Netflix-Produktion „Black Mirror“ lässt sich daraus ohnehin nicht generieren. Wird allerdings ebenso sachlich angeführt, dass in 20 Jahren womöglich jeder zweite US-Amerikaner seine Arbeit an die Digitalisierung verloren hat, wird einem wiedermal schlagartig bewusst, wie radikal der Wandel ist, in dem wir uns Alle befinden, und dass es gar keiner Übertreibung und künstlicher Panikmache bedarf, um die Relevanz des Themas fassbar zu machen.

Und weil es sich um eine Streitschrift handelt und keine wissenschaftliche Ausarbeitung, bleiben auch krude Hypothesen aus, die aus Zitationsgründen gewählt werden. Leider sichert man sich 2018 mit keiner gemäßigten, nüchternen Position mehr Einladungen in Talkshows, Zitationen oder Mausklicks. Wie gerne würde ich für jedes Mal, wo sich populistische Chefphilosophen wie Richard David Precht oder Parlamentarier wie der lebende Anachronismus Oettinger anmaßen, die gesellschaftlichen Folgen der digitalen Transformation besser bewerten zu können als bspw. Gunter Dueck, Frau Borchardt’s Streitschrift in Dutzenden ins Publikum schmeißen.

Borchardt leistet ungemein wichtige Pionierarbeit, wenn sie bekannte Effekte aus der Kultur-, Sozial- und Medienwissenschaft auf ihre Bedeutung für’s digitale Zeitalter hin untersucht. Oftmals lassen sich Erklärungsansätze nutzen, um den Erfolg von „Blockbuster“-Filmen wie „Starprofessoren“ von Jordan B. Peterson oder Podcast-Legenden wie Joe Rogan im Internet begreifbar zu machen. Denn zwar hat sich durchs Internet die Art und Weise revolutioniert, wie Menschen nach Informationen suchen, Produkte kaufen, zueinander finden etc. – der Mensch allerdings rennt nach wie vor mit demselben Körper durch die Welt wie vor zehntausend Jahren und aller Durchbrüche in den Kognitionswissenschaften zum Trotz (bildgebende Verfahren etc. haben durch computergestützte Methoden eine ganz neue Qualität erreicht) gestalten sich Phänomene wie menschliches Bewusstsein unverändert. Hier liegt ja auch das große Dilemma: 300 Millionen Jahre Evolution waren nötig, um den Computer und das Internet hervorzubringen.

All zu euphemistische Technikjünger tun dabei allerdings so, als hätte sich die „Grundversion Mensch“ ebenso revolutionär und unwiderruflich verändert – dabei gehorchen wir Menschen denselben „primal instincts“ wie eh und je. Es wäre außerordentlich begrüßenswert, wenn sich der ein oder andere Ökonom dieses Landes hier ein Scheibchen abschneiden würde, denn dass ökonomische Grundannahmen wie der rational handelnde, an nichts als Nutzenmaximierung interessierte Mensch ein Hirngespinst neoliberaler Wunschvorstellung ist, haben uns die großen Denker unserer Zeit wie Dan Ariely, Daniel Kahneman – hierzulande popularisiert durch Rolf Dobelli – und eine Reihe weiterer Verhaltensökonomen unbestreitbar bewiesen. Und vermeintliche „Marketing-Gesetze“, die vor dem Siegeszug von weltweitem (mobilem) Internet formuliert wurden – Aspekte wie „Markteintrittsbarrieren“ zum Beispiel – wurden durch’s Netz ebenso relativiert.

So, wie Jordan Peterson an dieser Stelle „Price’s Law“ anführen würde (“The square root of the number of people in a domain do 50% of the work”) um wissenschaftlich zu erklären, warum die „Winner takes All“ Natur im Internet nicht (nur) auf Algorithmen basiert, die Konzernen und deren Allerweltmarken bevorzugt Visibilität verschaffen, sondern ein nachgewiesenes und „natürliches“ Verteilungsphänomen darstellen, ließen sich auch viele weitere vermeintlich unumstößliche „Wahrheiten“ aus allerlei verwandten bzw. überschneidenden Disziplinen auf ihre Gültigkeit für den Bereich „Digital“ hin untersuchen – um datengestützte, neue Einsichten zu gewinnen, die (hoffentlich) althergebrachtes Pseudowissen ersetzen.

Einen überaus wichtigen Punkt spricht Borchardt an wenn sie kritisiert, dass gerade die öffentlichen Institutionen in Deutschland dringend digital um- bzw. weitergedacht werden müssen, sofern wir unsere Demokratie auch in zwanzig Jahren noch lebendig sehen möchten. Anachronistische Organisationsformen und betriebliche Prozesse müssen auch bei Behörden und Co. oberste Priorität genießen, wenn wir im europäischen Vergleich nicht wie die bürgerfeindlichsten Verwaltungsterminatoren auftreten möchten. Dabei ginge es zunächst erst einmal darum, überhaupt mit der Generierung von Ideen zu beginnen und das am besten im Dialog mit dem hierbei wichtigsten Stakeholder, nämlich den Bürgern selbst. Und mit Sicherheit kann aus den Reihen von CCC, Piratenpartei und Co. problemlos genug Hirnschmalz rekrutiert werden, um öffentliche Consulting-Aufträge dieser Art auszuschreiben. Warum die Steuererklärung nicht zu einer Art Wettbewerb machen durch öffentliche Ranglisten – wer die meisten Steuern im Land zahlt, bekommt fortan die meiste Anerkennung in den Medien. HIGHSCORE-Listen des öffentlichen Samaritertums. Wer Deutschland liebt, soll das beweisen und zahlen. Endlich profitieren auch jene Leistungsträger der Gesellschaft, die nicht ins Sportstudio laufen wollen, nur um eine schöne Partnerin zu finden, denn Steuerzahler-Ranglistenanführer sind die High Society Sternchen der Zukunft!

Natürlich fantasiere ich gerade und möchte nicht wirklich einer Zukunft entgegensteuern, in welcher der Mensch in Orwell’scher Manier gläsern wird. Aber es muss nicht nur erlaubt, sondern gefördert werden, sich Gedanken über die gesellschaftliche und damit zwangsweise individuelle Zukunft in einer Welt zu machen, deren Spielregeln und Wirkmechanismen sich so radikal verändert haben, dass es immer seltener von unternehmerischer Weitsicht zeugt, risikobehaftete Experimente zu unterlassen. Ganz im Gegenteil – speziell in Deutschland haben wir eher ein Problem mit einem zu risiko-aversen Mittelstand, der sich lieber die Augen zuhält, um geschäftlich ins offene Messer zu rennen, indem das bestehende Geschäftsmodell so lange gemelkt wird, bis der Markt dem digitalen Pendant gewichen ist. Wer 2018 bspw. die Kosten, die mit einer effektiven Online Marketing Kampagne einhergehen, als reinen Aufwand betrachtet, der umgehend zurechenbaren ROI produzieren muss, statt als Investment in die eigene digitale Auffindbarkeit, hat ganz einfach keine Zukunft in digitalen Gefilden, denn die mit Innovationen einhergehenden Pioniergewinne, aus denen sich jene vielbeklagten Quasi-Monopole oftmals überhaupt erst als solche zementieren können, bleiben den Risikofreudigen vorenthalten, die einsehen, dass die Alternative zum Investment in SEO/SXO und andere Instrumente aus dem modernen Online Marketing eher früher als später in Form der betrieblichen Insolvenz daherkommt – sofern Sie kein äußerst gutes Händchen fürs Investments in zeitlose, klassische „Brick n‘ Mortar“ Geschäfte haben, sollten Sie als Unternehmer also nicht jede prognostizierte Business-Apokalypse als übertriebene Panikmache zu Zwecken der Auflagensteigerung / Klickzahlen abtun.

Die schonungslose, aber stets nüchterne Ehrlichkeit der Autorin zieht sich konstant durch die Kapitel bzw. die einzelnen Thesen. So verheimlicht sie auch nicht den Faktor Glück hinter unternehmerischem Erfolg in digitalen Gefilden. Das Plattform-Geschäftsmodell etwa, welches ohne nennenswerte Investitionen in Anlagen und Maschinen etc. auskommt und aufgrund Nullgrenzkosten theoretisch unendliche Skalierbarkeit ermöglicht, funktioniert in aller Regel ausschließlich für das Pionierunternehmen, welches als erstes damit den Markt betreten hat. Die Welt braucht kein zweites Twitter, kein zweites Facebook, kein zweites YouTube und auch keine europäische Google-Alternative. Und dass der Bilderdienst Instagram ganze zwölf Mitarbeiter beschäftigte, als er für den Schnäppchenpreis von einer Milliarde Dollar an Facebook verkauft wurde, lässt erahnen, in welcher Quantität auf Plattform-Modelle spezialisierte Gründer bzw. Inkubatoren mit Finanzkraft im Rücken – Rocket Internet lässt grüßen – problemlos so ziemlich jede denkbare Branche mit eigenem Plattformmodell bedienen können. Glück braucht man also ohne jede Frage, will man auf den hiesigen Online Märkten mit alteingesessenen Platzhirschen konkurrieren – außerordentlich breitgefächertes wie tiefes Fachwissen ebenfalls. Und wer sich als Unternehmen 2018 erstmalig Gedanken über die Erfolgsaussichten einer Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells macht, hat das erste böse Erwachen noch vor sich, denn die Konkurrenz befindet sich seit Jahren bereits auf dem Markt und konnte entsprechende Daten und Erfahrungen sammeln. Weil diese wiederum die Grundvoraussetzung fürs Gestalten eines funktionierenden digitalen Geschäftsmodells sind – vor allem dessen Positionierung im aktiven Wettbewerbsumfeld – empfiehlt sich heute bereits für die überwiegende Mehrheit an „Steinzeit-Unternehmern“, bereits erfolgreich am Markt positionierte Start-Ups auf- oder sich wenigstens dort einzukaufen. Oder eben die Zeichen der Zeit zu erkennen und in Rente zu gehen.

Und damit kommen wir auch schon zu einer jener unbequemen Wahrheiten, die sich auf den Titelseiten von Zeitschriften wesentlich schlechter machen als reißerische redaktionelle Inhalte zu digitalen Phänomenen wie dem Bitcoin-Goldrausch und den Success-Stories aus dem Silicon Valley. Denn wer nicht gerade das Glück sein eigen nennt, sich bereits seit Kindertagen für (Informations-)technologie zu begeistern, und aufgrund der eigenen Lebenssituation ganz einfach nicht die nötige Zeit freimachen kann, um sich nach einem zehnstündigen Arbeitstag auch noch voll konzentriert für den Rest des Abends in seine digitalen Hausaufgaben zu stürzen, für dessen Karriere sieht es ziemlich finster aus. Denn der IQ Normalsterblicher befindet sich bekanntlich eher bei 100 als bei 130, wo die ersten Genies anfangen, Tageslicht zu sehen. Elon Musk zu klonen wäre natürlich eine Option, aber bis wir soweit sind, unsere klügsten Erdenbürger einfach zu klonen oder Super-Gehirne im Labor zu züchten, wird es noch ein paar Jahrzehnte – hoffentlich länger – dauern.

Spätestens, wenn die Branche für Fernfahrer zusammen bricht, müssen wir uns als Gesellschaft dringend Gedanken darüber machen, was mit den 15% der Bevölkerung geschieht, deren IQ unter der 80er Marke liegt und die deshalb nicht einmal gebraucht werden können, um beim Militär eingesetzt zu werden – da sie in Friedenszeiten mangels Lernfähigkeit die soziale Leiter durch Fortbildung und Co. nicht hochrücken und selbst in Kriegszeiten mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften, indem sie ihr Platoon in Gefahr bringen.

Diese 15% sind bereits heute in unserer Gesellschaft nicht mehr anschlussfähig. Was also, wenn die düsteren Prognosen Recht behalten, und die meisten „gewöhnlichen“ Arbeitsplätze innerhalb der kommenden Jahrzehnte in den meisten Volkswirtschaften verschwinden werden? Werden wir womöglich schon bald die ersten Massenemigrationen Minderbegabter in Drittweltländer beobachten, weil die dortigen Wirtschaften noch stärker auf Landwirtschaft und Co. basieren und starke Hände gebrauchen können? Deutsche Gastarbeiter in Nigeria? Selbst der normalbegabte Durchschnitt wird für die Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft kaum über ausreichend „digitale“ Fähigkeiten und Erfahrungen verfügen, um in langfristigen Beschäftigungsverhältnissen mit gewohnten Sozialstandards usw. menschenwürdig bezahlt zu werden, sofern das Thema „Digital Capability“ nicht umgehend auf die Agenda auch von Grundschulen und vor allem Förder- und Berufsschulen gepackt wird, und zwar verpflichtend für sämtliche Ausbildungsberufe.

Natürlich findet auch das Thema „Universal Income“ seinen Platz – vielleicht die einzige Option, um Bürgerkriege zu verhindern, und Deutschland mangelt es neben Götz Werner an nationalem Pendant zu Typen wie Jeremy Rifkin (Null-Grenzkosten-Gesellschaft), obwohl Soziologen bzw. Soziologie-Bewanderte für den gesellschaftlichen Diskurs womöglich wichtiger und wertvoller denn je sind und das Studium ehemals brotloser Disziplinen womöglich bald schon überaus gefragt sein wird. Überhaupt kann gar nicht häufig genug betont werden, dass Lösungsansätze für die bevorstehenden ökonomischen und sozialen Probleme, welche die mitunter bedeutendste gesellschaftliche Revolution der bisherigen Menschheitsgeschichte fraglos mit sich bringt, unmöglich lediglich von den Wirtschaftswissenschaften kommen können, deren weltfremden Grundannahmen wir nicht nur den höchsten globalen Wohlstand verdanken, den die Menschheit bislang verzeichnen konnte, sondern auch zahlreiche bekannte und noch unbekannte psychische und körperliche Krankheiten des „Neuzeitmenschen“, der sich bei unveränderter Steigerungsrate der diagnostizierten Depressionen in den westlichen Industrienationen vermutlich längst von Leistungsdruck und Versagensängsten geplagt im Kollektiv von der Brücke stürzt, bevor er seine vom Narzissmus zerfressene Seele mit einem Update retten oder anderweitig Rückbesinnung und spirituelle Heilung erfährt.

Fazit:

Wie ich hoffentlich passabel darstellen konnte, beflügelt die Lektüre der Streitschrift zu eigenen Gedanken beim Leser und wird ihrem selbsternannten Zweck damit zweifellos gerecht. Beruflich mit den Folgen der digitalen Transformation beschäftigten potentiellen Lesern spreche ich gerne eine unbedingte Leseempfehlung aus und gebe Frau Borchardt für ihre Arbeit auch 5 von 5 Sternen. Bravo!

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